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22.09.2020

Das Rad der Zeit

Ich sitze gerade mal wieder am Wasser und meine Gedanken wandern ganz weit weg. So weit weg, dass ich eine Zeitreise unternehmen möchte. Eine gedankliche Reise in die Vergangenheit. In meiner Fantasie drehe ich jetzt einmal das Rad der Zeit viele Jahre zurück.

 

Wann hat mich die Leidenschaft zum Angeln gepackt, die unbändige Sehnsucht, ständig am Wasser sein zu müssen? Die Angelei damals und heute. Es hat sich so viel verändert, aber was genau hat sich verändert? Meine Anfangszeit hatte ich in der DDR in einer Jugendgruppe. Hier wurden die Jugendlichen an die Hand genommen und auf das Angeln vorbereitet. Es gab keinen Fischereischein, sondern für die einzelnen Fischarten Erlaubnismarken. Mit Friedfischmarken, welche ich voller Stolz erstmals mit etwa sieben Jahren erhielt, fing alles an. Danach folgte die Salmonidenmarke und zu guter Letzt die Raubfischmarke. 

 

Diese Marke hatte ich bis dahin nie gemacht und im Nachhinein dies auch sehr bereut. Denn dem Lockruf des Hechtes folgte ich nur allzu gern. Fast jeden Tag durfte ich meinen Vater begleiten und ihm die Köderfische fangen. In der Abenddämmerung ging es dann los, wenn mein Vater die Hechtangel am Start hatte. Mein Gott, was für eine Gerätekombination: Die klobige Rute war 240 Zentimeter lang und hatte gute 150 Gramm Wurfgewicht. Eine Kapselrolle war mit einer 0,45 Millimeter Monofilschnur bespult, der Schwimmer trug gut und gern 40 Gramm. 

 

Und dazu noch unsere aufgeregten Gemüter, wenn sich der Korkschwimmer in Bewegung setzte. Ich werde es nie vergessen! Adrenalin pur strömte durch meinen Körper, aber mein Vater zündete sich erst einmal in aller Ruhe eine Zigarette an. Ich selbst hätte schon ein paar Mal angeschlagen, aber mein Vater blieb völlig cool. Mit dem letzten Zug stieg die Aufregung bis zum Höhepunkt. Der Anhieb war aus heutiger Sicht sinnlos, denn der Fisch hatte meistens geschluckt und lieferte an dem schweren Gerät kaum Gegenwehr. Dennoch haben mich diese Tage am Wasser geprägt! Auch wenn unsere Ausbeute selten länger als 70 Zentimeter war. 

 

Doch mein Leben änderte sich und so dreht sich nun das Rad weiter nach vorne. Wie bei anderen Menschen auch, durchlebte ich Höhen und Tiefen in meinen weiteren Lebensjahren. Meine Eltern trennten sich, die Wende kam und vieles aus der DDR wurde binnen Monaten vergessen. Ich stand nun alleine da, keinen gültigen Fischereischein und andere Dinge rückten in meinen Focus. Dennoch begann ich mit 14 Jahren, die Prüfung zum Fischereischein abzulegen und erlebte dort die ersten Unterschiede zwischen Ost und West. Ich hatte früher Knotenkunde, praktische Ausbildung in Sachen Ausloten, Futterzusammenstellung, Fliegen binden, den richtigen Umgang am Wasser und und und... Bei der Fischereischule wurde ich überfrachtet mit theoretischem Wissen. PH-Werte, Gesetzeskunde waren viele Stunden die Schwerpunkte in meiner Ausbildung. 

 

So erlangte ich mit 14 Jahren den Jugendfischereischein und hatte dennoch keine richtige Perspektive in Sachen Angeln. Mein Vater hatte in der Zwischenzeit eine neue Familie gegründet und leider keine Zeit mehr für mich. Meine Mutter war mit anderen Dingen beschäftigt. So konnte ich nicht mehr jedes Wochenende ans Wasser und schon bald ließ das Angelgerät zu wünschen übrig. Meine Angelei schlief etwas ein... 

 

Nun drehe ich das Zeitrad weiter bis 1994, da bekam ich zufällig eine „Karpfenszene“ in die Hand. Das Heft stellte mich vor völlig neue Tatsachen und ich war regelrecht „erschrocken“, wie groß Karpfen eigentlich überhaupt werden können. Nachdem das gute Heftchen zwei Jahre lang keine Beachtung gefunden hatte, kramte ich es im zarten Alter von 16 Jahren doch wieder aus seinem Versteck hervor. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich bereits einige Karpfen gezielt mit Schwimmbrot und Posenrute überlistet. 

 

Sofort, nachdem ich die Lektüre wieder in den Händen hielt, war mir mein Ziel klar. So einen Fisch, wie damals Dieter Martens – auch heute noch ein sehr bekannter Karpfenprofi – auf dem Cover hielt, will ich auch mal fangen! Es war eine verrückte, aber auch sehr schöne Zeit, die ich nie mehr missen möchte. Ich fuhr viel mit meinem Moped an kleine Seen und Teiche und fing regelmäßig meine Karpfen. Meine erste eigene Boilie-Kreation sollte nun nicht länger auf sich warten lassen. Meine Mutter verlor daraufhin endgültig die Nerven mit mir. Nicht nur, dass ich mein erstes Geld in Ruten steckte und viel Zeit am Wasser verbrachte, nein, jetzt wurden auch noch Küchengeräte zweckentfremdet – ganz zu schweigen vom üblen Geruch in der Küche. Es folgten mehrere heftige Auseinandersetzungen und ich war kurz davor, zuhause rauszufliegen. Ich stellte nie Dinge in Frage, wenn ich sie für richtig hielt. Ich bin auch nicht zum Fischen gefahren, um jemanden etwas zu beweisen oder um sich mit jemanden zu messen. Alles nur aus purer Liebe zum Karpfenangeln. 

 

Auf den ersten 20-Pfünder habe ich lange warten müssen und die Freude über diesen Fisch war grenzenlos. Ihm folgten immer mehr, denn mit jedem Fisch, den ich fing, sammelte ich auch mehr praktische Erfahrungen. Unzählige Stunden verbrachte ich an meinen Vereinsseen. Ich lernte viele Angler kennen. Dadurch entstand eine kleine Szene, auch bei uns. Auffällig: die, die mit ihrem Tackle groß auffuhren, waren relativ schnell wieder verschwunden. Andere Freundschaften wiederum brachten meine eigene Angelei nach vorn. Einer dieser guten Freunde ist Mario. Für sein Wissen in der Boilie-Herstellung bin ich ihm heute noch dankbar. Seine Erfahrungswerte kamen mir zu Gute. „Mario, für diese Rezepturen verleihe ich Dir noch heute einen Stern!“ Ich lernte viel von ihm und konnte auch mit ihm meinen ersten 30-Pfünder landen. Es war eine unbeschreiblich tolle Zeit. 

 

Mathias kannte ich auch schon viele Jahre. Nach sehr langer Zeit verlief unser Kontakt zwar eine Weile im Sande. Irgendwann traf ich ihn jedoch wieder und wir stellten fest, dass unsere Freundschaft noch lebendig war. Ich lud ihn ein, mich eine Nacht an einen Stausee zu begleiten. Nach einigen Absagen passte es irgendwann und wir fingen zusammen ein paar sehr schöne Fische. So verabredeten wir uns immer öfter zum Angeln und Mathias wurde für die kommenden Jahre mein fester Angelpartner. Viel haben wir zusammen erlebt, viel gesehen, viel gefangen und unsere Freundschaft wurde durch harte Trips noch mehr zusammen geschweißt. Wir gingen durch dick und dünn. Zwei Wochen ohne Fisch, Schlauchboot funktionsunfähig, Auto aufgebrochen usw. – alles ein Teil unserer Geschichte, welche uns niemand nehmen kann.

 

Ich muss weiter drehen am Rad der Zeit, denn wiederum gab es Veränderungen in meinem Leben. Eine Frau! Sie gab und gibt mir immer wieder Kraft, unterstützt mich und macht mir immer wieder Mut. Dann lernte ich Stefan kennen! Wir beide verstanden uns auf Anhieb. Als ich mit Stefan angeln war, schnitten wir irgendwann das Thema Testangeln an. „Ich ein Testangler, ein Profiangler, der Geld dafür bekommt, wenn er angeln geht?“ Stefan erzählte mir seine Geschichte und öffnete mir die Augen. Eines Tages schlug ich die Fisch & Fang auf und las, dass Zebco neue Testangler suchte, verbunden mit der Bitte, sich zu bewerben. Binnen Sekunden legte ich die Angelzeitschrift beiseite und dachte gar nicht lange nach. Meine Freundin gab mir einen leichten Schubs in die richtige Richtung. Doch letztendlich schrieb sie die Bewerbung und schickte sie an Frerk Petersen. Für dieses Vorwärtskommen, diesen ersten Schritt, den sie in die Wege geleitet hat, bin ich noch heute überglücklich.

 

Der Rest ist Geschichte und mein Zeitrad bewegt sich so langsam wieder ins hier und jetzt. Angeln als Beruf – ich konnte die Chance ergreifen und lebe heute davon. Guiding Touren auf Wels in Italien und Frankreich sind Stefans und mein Steckenpferd. Bei geführten Karpfentouren sieht das etwas anders aus. Wer will schon einen Karpfen geguided haben? Dennoch sind und bleiben Theorie und Praxis zwei paar Schuhe. Jeder Angler kann heute alles nachlesen. Die Informationsquellen sind schier unendlich, egal ob auf Messen, im Internet oder in einer klassischen Angelzeitschrift. 

 

Im Angelsport hat sich viel getan und auch bei mir persönlich. Mit meinem Vater habe ich wieder einen guten Kontakt und ich bin froh darüber, ihm heute wieder etwas zurückgeben zu können. Viele Menschen tun sich schwer, bei ihnen bleibt das Angeln auf einer gewissen Stufe stehen und sie entwickeln sich nicht weiter. Dann kommt mein Einsatz, denn ich zeige ihnen, worauf sie achten sollten. Mit den richtigen Futterstrategien hängt im Nu der Fisch am Haken. Vom Angeln in Frankreich hatte mein Vater bis jetzt immer nur gehört oder Bilder gesehen. Irgendwann kam dann die Frage, ob ich ihn nicht mal nach Frankreich mitnehmen könne? Die Rhone war unser Ziel und wir verbrachten eine erfolgreiche und tolle Woche. Es war so schön zu sehen, wie er sich über einen gut gebauten 20-Pfünder aus einem großen Fluss wahnsinnig freuen konnte.

 

Doch die Jetztzeit hat auch seine Schattenseiten: Die ganze Flut an Informationen im Internet bietet nicht nur die Möglichkeit, rasch zu lernen. Es entsteht nur allzu schnell der Eindruck, man müsse, um heute mitreden zu können, schon ein paar 50-Pfünder und einen 60er auf der Habenseite vorweisen können. Eindruck schinden, eine vermeintlich große Nummer für viele Leute sein. Aber in Wahrheit sagt die Fischgröße nichts über die Qualität des Anglers aus... 

 

Meine ersten geführten Karpfentouren waren ein großer Erfolg und ich denke, dass alle meine Gäste nicht nur ihre Fische gefangen haben, sondern von mir auch ein profundes Fachwissen vermittelt bekommen haben. Wie sie es effektiv in der Praxis umsetzen, liegt danach ganz bei ihnen. Ich gebe den Weg vor, gehen muss ihn jeder für sich allein.

 

Zeiten kommen und gehen und hinterlassen Erinnerungen, die zu Legenden werden. Mein Zeitrad soll sich noch lange drehen und ich warte, was die Zukunft für mich bereit hält. Wie wird sich das Angeln weiter entwickeln? Die letzten 20 Jahre waren turbulent, aber auch schön. Und ich freue mich, mit alten und neuen Freunden unsere Liebe zum Karpfenangeln zu teilen. Es war eine schöne Reise, und sie ist noch lange nicht am Ende und daher sitze ich immer noch am Wasser!

 

In diesem Sinne... 

 

Euer Benjamin Gründer