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26.11.2018

Mit Sicherheit am Wasser - Überlebe ich mit Wathose im Unglücksfall?

In meinem Artikel „Safety First“ bin ich auf viele verschiedene Sicherheitsaspekte und auch Risiken eingegangen die uns am und auf dem Wasser passieren können. Ich hoffe dass ich dadurch Eure Wahrnehmung für mögliche Gefahren und die Wichtigkeit der Sicherheit am Wasser wecken konnte. Während der Recherche zu diesem Thema bin ich auf den Bereich Watstiefel &n Wathosen aufmerksam geworden. Was passiert wirklich wenn man mit Watstiefeln bzw. Wathosen den Boden unter den Füßen verliert? Ich habe mich mit vielen Freunden und bekannten Anglern darüber unterhalten, aber niemand konnte mir eine verlässliche Auskunft und Information darüber geben. Auch im Netz konnte ich nichts wirklich verwertbares dazu finden. Daraus entwickelte sich bei mir die Idee zum Selbstversuch um der Sache auf den Grund zu gehen. Diesem Selbstversuch und den daraus gewonnenen Erkenntnissen möchte ich hier einen kompletten Artikel wittmen um Euch, liebe Leser, möglichst viel Sicherheit zu vermitteln.

Anfänglich wollte ich den Selbstversuch direkt unter realen Bedingungen im See durchführen. Da ich aber wegen der fehlenden Informationen in keinster Weise beurteilen konnte was dabei passieren kann fasste ich den Entschluss bei unserem ortsansässigen DLRG um Unterstützung zu fragen und verfasste eine Mail in der ich mein Vorhaben kurz schilderte und um Kontaktaufnahme bat. Bereits wenige Tage später meldete sich der 1. Vorstand und vermittelte mich an einen Einsatzleiter. Nachdem ich Ihm mein Vorhaben und die Hintergründe geschildert hatte war schnell klar dass ich auf die Unterstützung des DLRG´s zählen konnte. Um noch bessere Ergebnisse zur Auswertung zu bekommen kamen wir zudem noch zum Entschluss den Selbstversuch zuerst im Schwimmbad unter „kontrollierten Bedingungen“ durchzuführen. Im Anschluß sollte der Test dann noch einmal am See unter Realbedingungen durchgeführt werden.

Für den Test im Hallenbad hatte ich vier verschiedene Varianten geplant. Neoprene-Watstiefel, Gummi-Wathosen, Neoprene-Wathosen und abschließend nochmal eine Wathose in Verbindung mit einer Rettungsweste/Schwimmhilfe sollten auf das mögliche Verhalten im Wasser geprüft werden. Ich war ziemlich gespannt wie die Ergebnisse ausfallen würden. Zur Unterstützung und Auswertung der Tests begleitete mich mein langjähriger Freund Chris zudem noch mit der Kamera.  Alle Tests im Hallenbad wurden bei knapp über 20° Wassertemperatur und mit Shorts und T-Shirt durchgeführt, also nicht wirklich reelle Bedingungen unter denen wir am Wasser mit Wathosen usw. unterwegs sind. Aber um erste Testergebnisse zu bekommen waren diese Tests genau richtig.

Test 1.) Neoprene-Watstiefel
 Direkt nach dem Sprung ins Wasser hatte ich direkt mit dem starken Auftrieb des Neoprene zu kämpfen. Die Füße wurden durch den Auftrieb Richtung Wasseroberfläche gezogen und ich fiel direkt in Rückenlage. Dieser Effekt wurde durch den Lufteinschluss in den Watstiefeln noch zusätzlich verstärkt. Mit etwas Anstrengung konnte ich mich im Wasseraufrecht stellen und die eingeschlossene Luft konnte nach oben aus den Steifeln entweichen. Die relativ weit geschnittenen Watstiefel konnte ich anschließend leicht nach unten ziehen. An den Knöcheln war allerdings Schluss und durch den Wasserdruck war es unmöglich die Stiefel komplett auszuziehen. Mit den runtergezogenen Watstiefeln fiel mir bereits nach einigen Minuten das Schwimmen immer schwerer und die Kräfte schwanden deutlich.

Test 2.) Gummi-Wathosen
Die Gummi-Wathosen hatten zwar nicht den Eigenauftrieb wie die Neoprene-Watstiefel aber durch die mehr eingeschlossene Luft hatten die Wathosen dann doch noch deutlich mehr Auftrieb. Bedingt dadurch wurde ich wieder in starke Rückenlage gebracht und musste ständig mit den Armen „rudern“ um den Oberkörper und Kopf über Wasser zu halten. Der Auftrieb der eingeschlossenen Luft war bei den Gummi-Wathosen so groß das ein senkrechtes Aufrichten zur Luftentweichung nur unter starker Kraftanstrengung möglich war. Nachdem ich das letztendlich geschafft hatte war ich zwischenzeitlich schon schwer außer Puste. Die Wathose konnte ich dann auch komplett nach unten streifen… wieder bis zu den Knöcheln. Ein komplettes Ausziehen der Wathose war auch hier unmöglich weil sich die Wathose durch den Wasserdruck an den Füßen festgesaugt hatte. Mit den Wathosen in den Knöcheln war ein vernünftiges Schwimmen dann auch nahezu unmöglich und meine Kräft schwanden erneut ziemlich schnell. Chris musste mir aus dem Wasser helfen. Mit eigenern Kraft war das bereits nach einigen Minuten schon nicht mehr möglich.

Test 3.) Neoprene-Wathosen
Bei den Neoprene-Wathosen war im am meisten auf das Ergebnis und das Verhalten im Wasser gespannt und mir war kurz vor dem Sprung ins Wasser doch schon etwas mulmig im Bauch… aber was sollte schon passieren. Ich war ja durch drei DLRG-Helfer gesichert. Nach dem Sprung ins Wasser dann direkt wieder das gleiche Bild wie 2x zuvor… nur noch viel stärkerer Auftrieb an den Beinen. Der Lufteinschluss UND der Eigenauftrieb des 5mm Neoprene-Materials hielten meine Beine wieder an der Wasseroberfläche, ich fiel wieder in Rückenlage und hatte Schwierigkeiten meinen Oberkörper/Kopf dauerhaft aus dem Wasser zu halten. Daher versuchte ich wieder so schnell wie möglich die Wathosen nach unten zu ziehen und auch wieder komplett auszuziehen. Aber auch hier war beim Ausziehen der Wathosen an den Knöcheln wieder Schluss. Der Wasserdruck presste das Neoprene extrem fest um meine Fußgelenke und das Vakuum im Schuh machte es unmöglich die Wathosen über die Knöchel zu ziehen. Der Auftrieb des Materials zog meine Beine ständig Richtung Oberfläche und meine Kraft schwand dadurch auch wieder extrem schnell. Bereits nach wenigen Minuten musste ich auch diesen Versuch abbrechen und Chris musste mir erneut aus dem Wasser helfen.

Test 4.)
Zum letzten Test im Hallenbad wollte ich noch einmal die Gummi-Wathose verwenden. Diese Mal trug ich allerdings zu meiner Entlastung und Absicherung eine Rettungsweste bzw. Schwimmhilfe. Der Unterschied zwischen Rettungsweste und Schwimmhilfe liegt im Auftrieb der Weste. Während eine Rettungsweste in versch. Auftriebsklassen und auch als ohnmachtssicher erhältlich ist dient eine Schwimmhilfe mit Ihrem Eigenauftrieb lediglich dazu etwas mehr Auftrieb im Wasser zu bekommen. Bereits direkt nach dem Sprung ins Wasser erkannte ich einen deutlichen Unterschied zu den drei bereits durchgeführten Tests. Der Auftreib der eingeschlossenen Luft in den Wathosen hielt meine Beine wieder an der Oberfläche aber der Auftrieb der Schwimmhilfe(Auftrieb entsprechend meiner Gewichtsklasse) reichte schon aus um meinen Oberkörper ohne weitere Schwimmbewegungen und Kraftanstrengungen an der Oberfläche zu halten. So konnte ich mich, in Rückenlage an der Oberfläche treibend, zuerst kurz ausruhen und Kraft sammeln bevor ich wieder versuchte die Wathosen nach unten zu schieben und über die Knöchel letztendlich auszuziehen. Jedesmal wenn die Kräfte schwanden konnte ich mich dank der Schwimmhilfe kurz ausruhen. Der positive Effekt der Schwimmhilfe war deutlich größer als ich/wir Ihn erwartet hatten.

Nach diesen vier Tests im Hallenbad konnten wir erste Erkenntnisse ziehen.  Watstiefel und Wathosen im Wasser auszuziehen ist nahezu unmöglich und bereits nach wenigen Minuten schwanden die Kräfte deutlich. Hier möchte ich besonders anmerken das die Tests im Hallenbad mit leichter Bekleidung(Shorts & T-Shirt) bei sehr angenehmen Wassertemperaturen gemacht wurden. Chris und ich analysierten die Tests noch etwas genauer und waren extrem auf das Ergebnis unseres Praxistests unter „Real-Bedingungen“ am See gespannt. Bereits für zwei Wochen später hatten wir mit dem DLRG einen Termin am See vereinbart.

Der Test sollte unter folgenden Bedingungen durchgeführt werden:
-    Wassertemperatur ca. 10°
-    Winterkleidung wie wir sie beim Angeln unter entsprechenden Bedingungen tatsächlich tragen / mehrlagige Fleecekleidung + Wasserdichte Oberbekleidung
-    Neoprene-Wathosen
-    Schwimmhilfe
-    Sturz aus dem Schlauchboot und Versuch wieder ins Schlauchboot zu gelangen

Als ich mit Chris am See ankam war der DLRG bereits mit zwei Rettungstauchern und einem Helfer für über Wasser vor Ort. Die Jungs hatten bereits Ihr Einsatzschlauchboot zu Wasser gelassen und waren gut vorbereitet. Während Chris seine Kamera startklar machte ließ auch ich mein Zeepter Big Catch ins Wasser. Anschließend besprachen wir die Vorgehensweise und die möglichen Optionen was unter Umständen passieren konnte. Unsere Erkenntnisse aus dem Schwimmbad in Kombination mit den Erfahrungen des DLRG waren extrem viel wert und wir waren alle sehr auf den Praxistest unter wirklich reellen Bedingungen gespannt. Während die beiden Rettungstaucher Ihre Ausrüstung startklar machten zog ich noch die letzten Bekleidungsschichten drüber und die Neoprene-Wathosen an. Die Schwimmhilfe hatte ich unter der Wathose angezogen um im Ernstfall die Wathose auch ausziehen zu können ohne vorher die Schwimmhilfe ausziehen zu müssen. In einer Notsituation die rettende Schwimmweste auszuziehen wäre sicher kontraproduktiv.

Die Taucher gingen zu Wasser, Chris stieg zum DLRG-Helfer ins Schlauchboot und ich paddelte mein Big Catch ins Freiwasser. Wir besprachen nochmal kurz den Ablauf und dann ließ ich mich in voller Bekleidung ins ca. 10 Grad kalte Wasser fallen. Die eingeschlossene Luft im Fußbereich der Wathosen und der Eigenauftrieb des Neoprene ließen meine Beine sofort wieder an die Oberfläche treiben und ich fiel in die schon erwartete Rückenlage. Aber dank der Schwimmhilfe, die ich ja unter meiner Jacke trug, konnte ich mich ohne große Kraftanstrengung an der Oberfläche halten. Soweit… so gut. Aber mit jeder weiteren Sekunde liefen meine Wathosen voll mit Wasser und die 10 Grad waren schon verdammt kalt. Durch den Sturz ins Wasser war das Schlauchboot schon einige Meter von mir entfernt und ich musste zuerst versuchen wieder zum Schlauchboot zu gelangen. Das schwimmen in voller Montur ist allerdings schon sehr anstrengend und bis ich das Boot endlich erreicht hatte war ich schon gut außer Puste. Das kalte Wasser, was mittlerweile komplett überall hin vorgedrungen war, machte sich auch schon bemerkbar. Am Boot angekommen versuchte ich über die Luftkammer ins rettende Innere zu gelangen. Aber was soll ich Euch sagen. Es war, trotz aller erdenklicher Kraftanstrengung, nicht möglich über die Luftkammer wieder zurück ins Schlauchboot zu gelangen. Zum ersten fehlte auf der Innenseite jede Möglichkeit zum festhalten und zum zweiten hatte ich mit den komplett durchnässten Klamotten und vollgelaufenen Wathosen auch etliche Kilos mehr aus dem Wasser zu bewegen als nur mein eigenes Körpfergewicht. Nach einigen extrem anstrengenden Versuchen musste ich den Versuch, ins Schlauchboot zurück zu gelangen, dann völlig entkräftet erfolglos aufgeben. Ich ließ mich, in Rückenlage treibend um Kräftezu sammeln, an der Oberfläche treiben um im Anschluss noch den Versuch zu starten wie gut ich in der aktuellen Situation noch schwimmen konnte. Je länger ich allerdings an der Oberfläche trieb um Kräfte zu sammeln desto schneller musste ich feststellen dass mir das kalte Wasser meine Kräfte eher noch raubte als das ich mich erholen konnte. Mit letzter Kraft versuchte ich daher in Richtung Schlauchboot zu schwimmen um dann den Versuch abzubrechen. Zusammen mit den, zum Glück bis dato arbeitslosen, Rettungstauchern sowie Chris und dem DLRG-Helfer erreichten wir kurze Zeit später das rettende Ufer.

Fazit: Wie bereits bei den verschiedenen Versuchen im Hallenbad festgestellt treiben beim unfreiwilligen Sturz ins Wasser die Beine durch Lufteinschluss und Eigenauftrieb des Materials nach oben und ich hatte deutliche Schwierigkeiten meinen Kopf/Oberkörpfer über Wasser zu halten. Ein Großteil der zur Verfügung stehenden Kraft musste ich damit verschwenden mich über Wasser zu halten und nicht abzusaufen…!!! Diesem Umstand kann man im Ernstfalll NUR mit einer Rettungsweste entgegenwirken. Der Freiwasserversuch entsprach ansatzweise den Bedingungen am Wasser unter denen wir am Wasser mit Wathosen unterwegs sind, also respektive im Winter, bei schlechten Bedingungen wie z.B. Regen usw. !!! Unter diesen Bedingungen kommt dann, wie hier bei meinem Freiwasserversuch, dann auch noch die sehr niedrige Wassertemperatur hinzu. Das kalte Wasser lässt unseren Körper auskühlen und die Kraft noch deutlich schneller schwinden. Eine Auskühlung verläuft in drei Schritten. Diese hatte ich beim 2. Teil meines Safety First Artikels bereits kurz beschrieben. Im ersten Stadium der Unterkühlung versucht der Körper Wärme durch Zittern zu erzeugen. Die Temperatur unserer Extremitäten kann in diesem Stadium bis auf ca. 32 Grad fallen. Ein Blutaustausch zwischen Körper und Extremitäten findet dann nicht mehr statt. Im zweiten Stadium der Unterkühlung hört das Zittern auf, die Reflexe werden deutlich weniger, das Gefühl in Armen und Beinen nimmt deutlich ab und das Bewusstsein trübt sich immer mehr ein. In diesem Stadium wird es für uns am Wasser, ohne fremde Hilfe, extrem kritisch bis lebensbedrohlich… und das ist die dritte Stufe der Unterkühlung. Weitere Ausschweifungen spare ich mir hier, das kann sich sicher jeder selbst vorstellen. Ich hoffe nur dass keiner von uns allen jemals in diese Lage kommen wird. Demzufolge ist das kalte Wasser, respektive das Auskühlen des Körpers, die eigendliche lebensbedrohliche Gefahr wenn wir bei schlechten Bedingungen ins Wasser gefallen sind. In unserem abschließenden Gespräch mit dem DLRG wurdegenau diese Erkenntnis deutlich bestätigt. Sehr viele Todesfälle durch ertrinken sind durch Unterkühlung verursacht. Im Klartext heißt das für uns: wir würden nicht ertrinken weil wir mit der Wathose ins Wasser gefallen sind sondern wir würden ertrinken weil wir ohne Rettungsweste innerhalb sehr kurzer Zeit all unsere Kraft verschwenden würden um uns an der Oberfläche zu halten. Der Körper würde in dieser Zeit sehr schnell auskühlen und wir würden im 2. Stadium der Unterkühlung irgendwann das Bewusstsein verlieren UND DANN ERTRINKEN.

Versucht diese Erkenntnisse bitte nie zur Realität werden zu lassen. Kein Fisch der Welt ist es wert das wir unser Leben dafür aufs Spiel setzen. Der Selbstversuch war für mich eine große Herausforderung und Erfahrung. Der Versuch spiegelt nur ansatzweise eine echte Gefahrensituation wieder. Ich brauche sicher nicht zu erwähnen das die Chancen bei Nacht, bei Sturm und Regen, bei Strömung und/oder in einem großen Gewässer deutlich schlechter bis nahezu NULL stehen um hier ohne größere Schäden wieder rauszukommen. Versucht bitte diese Situationen im Voraus zu erkennen und wenn Ihr tatsächlich aufs Boot gehen müsst dann nur in Verbindung mit einer getragenen Rettungsweste. 

Wir haben den kompletten Selbstversuch mit der Videokamera begleitet und die Ergebinsse zu einem Clip zusammengefasst. An dieser Stelle vielen Dank an Chris Ackermann für die Kameraführung und Oliver Krage für den Schnitt des Clips. Ein besonders großer Dank geht an dieser Stelle auch nochmal an den DLRG Frankenthal. Ich bin mir nicht sicher ob ich den Versuch durchgeführt hätte wenn ich nicht von Profil abgesichert gewesen wäre und hoffe inständig dass keiner von uns allen jemals auf die Hilfe anderer angewiesen sein muss.

Sascha Kral
Team Black Cat

Das Video zum Bericht könnt Ihr euch hier ansehen: https://youtu.be/Z6JBg-KaRhI